Mittwoch, 17. Juni 2015

Insulin zum Leben oder der Luxus des Rückschritts


Vor 5 Jahren stand die Welt für einen kurzen Augenblick ganz still. Meine Welt zumindest.
Meine Bauchspeicheldrüse hat sich, mit einem pompösen Abgang, von mir und meinem Leben verabschiedet. Und seitdem macht es mir nur eine klare, etwas merkwürdig riechende, Flüssigkeit möglich zu leben. 
Wie gut, dass ich in einem Zeitalter der Forschung lebe. In einem Zeitalter, wo es künstliches Insulin auf Rezept gibt. In einem Zeitalter, wo wir technisch so fortschrittlich sind, daß ein winziges Gerät diese Flüssigkeit, via Knopfdruck, in meinen Bauch pumpt. 
Würde ich 100 Jahre zurückreisen, würde dies meinen sicheren Tod bedeuten. Damals gab es dies alles noch nicht und Menschen wie ich starben einen langsamen und schmerzhaften Tod. 

Die meisten Tage ist es für mich ganz selbstverständlich. Ich habe akzeptiert, dass meine Bauchspeicheldrüse sich nun außerhalb meines Körpers befindet und lila ist. Ich weiß was ich tun muss und welche Knöpfe ich drücken muss, damit ich mit Insulin versorgt bin. Es läuft, nebenher. Es ist einfach. Es gehört zu mir. Lässt mich (über)leben. Und doch vergesse ich nie, dass ein Typ 1 Diabetiker, vor 1922, all diese Privilegien noch nicht hatte. Das Privileg zu (über)leben. Alt oder jung. Erwachsene oder Kinder. Hat die Bauchspeicheldrüse erst einmal aufgehört zu arbeiten, würde sie nie wieder damit anfangen. Dies führt, ohne Zufuhr von Insulin, unweigerlich zur Ketoazidose und dies genauso unweigerlich zum Tod. 
Heute nicht mehr. Welche ein Glück. Mein Glück und das vieler anderer.
Weil ich in einer Zeit lebe, in der die Forschung so unglaublich weit ist. Weil ich in einem Land lebe, in dem mir all dies leicht und schnell zugänglich ist.

Und dann gibt es Momente, da ergreift mich Panik und der Gedanke, was wäre wenn. Was wäre, wenn es kein Insulin mehr geben würde? Was wäre, wenn ich in einem anderen Land leben würde? Was wäre, wenn ich in einer anderen Zeit gelebt hätte? Was wäre, wenn ich damals nicht rechtzeitig zum Arzt und in die Notaufnahme gegangen wäre? Was wäre wenn?! Dann, plötzlich, bedeutet dieses kleine lila Gerät und diese merkwürdig riechende Flüssigkeit so viel mehr. Sie bedeutet Leben. Und mir wird bewusst, dass ich ein Glückskind bin, dass es ein Privileg ist, zum Arzt zu gehen, mir ein Rezept zu holen und in der Apotheke eben jene Flüssigkeit zu bekommen. Das es ein Privileg ist, dass ich immer noch essen kann und darf, was ich will und wann ich will. Das es ein Privileg ist. Keineswegs selbstverständlich und nichts, was ich einfach so zurückweisen würde. Niemals.
Wer würde das schon? Ein lebenswichtiges Medikament zurückweisen? Oder eines, dass Leben rettet? Eines, dass dem Körper hilft zu heilen, gesund zu werden?
Wer würde?

Und schon bin ich bei der Frage, die sich seit 5 Jahren in meinem Kopf dreht. Die größer wird, je mehr ich mich damit beschäftige. Auf die es bis jetzt, keine wirkliche Antwort gibt.

Damals, kurz nachdem ich das Krankenhaus wieder verlassen hatte, sagte mir eine Bekannte, ich solle doch einfach mal Bachblüten ausprobieren anstatt Insulin zu spritzen. Hätte ich auf den Rat besagter Bekannten gehört, würde ich heute nicht hier sitzen und diesen Text schreiben! Und das was mich am meisten erschüttert hat, an dieser Aussage, war die Ernsthaftigkeit in ihren Augen. Sie meinte dies wirklich ernst und ich war mir sicher, hätte sie meine Krankheit, sie würde es mit Bachblüten versuchen. Nichts gegen Bachblüten an sich, aber auch sie können zerstörte Inselzellen nicht wieder lebendig machen. Und ohne Inselzellen kein Insulin, ohne Insulin kein Transport von Kohlenhydraten in die Zellen, ohne Insulin Übersäuerung des Blutes und ab da wird es unschön und schmerzhaft, bis zum Koma bzw. Tod.
Das sind die Fakten, da gibt es nichts dran zu rütteln. Nun wusste die Bekannte dies vielleicht nicht, kann ja vorkommen. Aber sie blieb beharrlich bei ihrer Meinung, auch nachdem ich ihr dies geschildert hatte. Hätte ich keinen Glauben in die Schulmedizin und Vertrauen in die Ärzte und würde ich an all die Verschwörungstheorien glauben, die hier und da kursieren, hätte ich wohl getan, was sie vorschlug. Das ist das Schlimmste an der ganzen Sache. Und ich wäre nicht die erste gewesen, die auf so etwas gehört hätte. 

Wir leben nämlich in einer Welt, wo wir uns den Luxus erlauben können auf die Schulmedizin zu schimpfen. Ja sogar sie zu verweigern. Und ich frage mich, warum?
Warum lieber 3 Wochen mit Zwiebelsäckchen um den Kopf herum zu laufen, gerade so gesund werden, um 2 Wochen später wieder krank zu sein, weil der bakterielle Infekt sich doch festgesetzt hat und der Körper nach drei Wochen sowieso geschwächt ist, anstatt ein Antibiotikum zu nehmen. Und nein, ich bin nicht dafür bei jeder kleinen Krankheit Antibiotika zu nehmen, aber ich bin eben auch nicht gänzlich dagegen. Seine Entdeckung ist eine der größten Errungenschaften in der Medizin und es ist auch noch gar nicht solange her, da wären die Menschen dankbar gewesen, hätte es Antibiotika gegeben. 
Aber wir, heute, hier in dieser Welt, in diesem Land, haben den Luxus eben einfach mal was anderes auszuprobieren. Globuli, Zwiebelsäckchen, Tees und Co. Weil wir, im Notfall, eben doch, notgedrungen und mit ganz schlechtem Gewissen, Antibiotika nehmen können. Weil wir, wenn es dann nach 5 Wochen immer noch nicht besser ist, ganz schnell beim nächsten Allgemeinarzt ein Rezept bekommen. Weil wir die Zeit dazu haben, und weil es ja eben doch die Alternative - Allgemeinmedizin - gibt, die dann eingreift, wenn Globuli und Co. nicht anschlagen. 
Ich bin auch immer eher für den natürlichen Weg, gehe äußerst selten zum Arzt, bin froh, dass mein Sohn bisher nur einmal Penicillin nehmen musste und trinke lieber viel Wasser, bevor ich eine Kopfschmerztablette nehme. Ich kuriere Schnupfen auch mit Dampfbad, Tee und Zwiebelsäckchen über dem Bett, aber ich weiß wann Schluss ist. Wann ich meine Grenze als Aushilfsmediziner erreicht habe. Und ich würde nie, niemals einem anderen Menschen meinen laienhaften, medizinischen Rat aufdrücken. Schon gar nicht, wenn ich nicht die Spur einer Ahnung von dieser Krankheit habe. 

Die Schulmedizin wird schlecht geredet wo es nur geht. Sie ist kein Privileg mehr, sondern nur ein lästiges Übel. Wir scheinen sie nicht mehr zu brauchen, können wir uns doch nunmehr selber heilen. Zumindest, so lange es sich um keine ernsthafte Krankheit handelt. So lange es nicht um unser (über)Leben geht. Solange ist es leicht dagegen zu reden. Sich der Schulmedizin zu verweigern und die Kompetenz der Ärzte in Frage zu stellen. Solange kann man leicht gegen die Forschung und ihre Versuche wettern. Und nein, ich finde auch nicht alles gut, was da passiert und wie Erkenntnisse gewonnen werden. Aber ich habe gelernt, dass es eben nicht nur Schwarz und Weiß gibt. Sondern unzählig viele Graustufen dazwischen. Eine davon ermöglich es mir zu leben. 

Ich bin froh und unendlich dankbar, für die Forscher, die Insulin entdeckt und aus Schweinen gewonnen haben. Auch wenn das drum herum vielleicht nicht hundertprozentig korrekt war, ich bin dennoch dankbar, dass geforscht und entdeckt wurde. Das ich eben nicht mehr vor 1922 lebe, sondern heute. Das unermüdlich weitergeforscht wird, damit Diabetes, Krebs, Aids, MS usw. irgendwann heilbar sind. Und ich hoffe sogar, dass es irgendwann nicht mehr nur heilbar ist, sondern verhindert werden kann. 

Ich denke, wenn man einmal an dem Punkt ist zu entscheiden, ob man leben will oder nicht, wirft man seine Überzeugungen ganz schnell über Bord. Und das ist nichts verwerfliches. Zumindest nicht was den medizinischen Bereich angeht. Ich brauche genetisch hergestelltes Insulin, daran führt kein Weg vorbei und es helfen auch keine Bachblüten oder ein schöner heißer Tee. Und genau das gleiche trifft für viele andere, fiese Krankheiten zu. Und keiner wünscht sie sich und keiner kann etwas dafür. Es trifft einen oder nicht. Dagegen tun kann man nichts. Und es ist auch keiner selber dran Schuld. Man sagte mir, vielleicht hätte ich als Kind zu viele Süßigkeiten gegessen. Deswegen habe ich nun Typ 1 Diabetes. Und ich frage mich, was eine Autoimmunkrankheit mit Süßigkeiten zu tun haben soll. 

Leben und leben lassen ist dann immer die Devise und die Antwort. Jedem das seine und jeder darf doch tun wie er will. Ja. Das darf er. Schlimm wird es nur, wenn man Ratschläge gibt, die völlig unqualifiziert sind und einem Menschen das Leben kosten können. Schlimm ist, wenn man anderen damit schadet. Wenn ein Kind mit Typ 1 Diabetes sterben muss, weil seine Eltern gerade eine neue Naturheilmethode an ihm ausprobieren. Ab da, darf man nicht mehr. Ab da, wird mir schlecht. Und ab da, werde ich wütend. 

Denn genau da, hört der Spaß auf. Ab da, wird es ernst. 
Es ist leicht etwas zu verurteilen, von dem man nicht selber betroffen ist. Es ist leicht zu sagen, versuch es mit Bachblüten, wenn man nicht sein eigenes Leben riskiert. Es ist leicht zu urteilen, wenn man nicht auf die Forschung angewiesen ist. Denn, ist man einmal in der Situation, wird man ganz schnell, ganz leise. Dann hofft man, auf das Medikament, welches einen leben lässt, welches einen gesund macht, welches Schmerzen lindert. Weil wir (über)leben wollen. 

Es ist ein Privileg. Die medizinische Versorgung die wir in diesem Land erhalten ist Luxus. Und dieser Luxus macht es uns leicht ihn zu verweigern. Weil wir, im Notfall, doch könnten. In anderen Ländern würde sich diese Frage überhaupt nicht erst stellen. Dort nehmen die Menschen mit Kusshand eine Impfung entgegen. Dort sind die Menschen dankbar, wenn sie kostenlos und ausreichend Insulin zur Verfügung haben. Dort würden die Menschen Antibiotika nicht einfach ausschlagen, um es vorher noch mit Tee und Bachblüten zu probieren. Es ist nicht die Schulmedizin, die schlecht ist. Oder die Forschung. Sondern vielmehr, dass nicht alle Menschen auf der Welt in diesem Luxus leben. Und der Gedanke daran macht mich traurig und ehrfürchtig. Traurig, weil manche dieses Privileg mit Füssen treten, während andere nur darauf hoffen können. Jeder Tropfen Insulin ist für mich kostbar. Jede Tablette gegen starke Schmerzen ist für mich ein Geschenk. Und jede neue Erkenntnis in Sachen Diabetes, Krebs usw. ist für mich ein großer Schritt nach vorn. 

Ich will nicht mehr zurück. 
Weil ich leben will. 





Und dies würde ich seid 5 Jahren nicht mehr, wenn es kein Insulin, keine Schulmedizin und keine Forschung geben würde. 






Diabetes ist mein Herzensthema, weil ich eben selbst betroffen bin.
Ich weiß wie kostbar Insulin ist.
Und ich wünsche mir, dass jeder, der darauf angewiesen ist, es uneingeschränkt erhält.
Wer sich mehr damit auseinandersetzen mag, hiier ein paar Links zu dem Thema.

insulin for life.org

Frederik Banting und die Entdeckung von Insulin

Was ist Diabetes

Ketoazidose

Insulin





Ich behalte mir vor die Kommentarfunktion auszuschalten, falls es zu unkonstruktiven Diskussionen kommen sollte. 

Kommentare:

  1. Liebe Eni, ein schöner Text, den ich einfach nur bekräftigen kann. Ähnliche Gründe zwingen mich auch dazu, mir manchmal sorgenvolle Gedanken zu machen über eine Abhängigkeit, die ich mir nicht ausgesucht habe. Trotzdem lebe ich ganz gut damit und bin sehr dankbar für die medizinischen Möglichkeiten hier und heute. Ich wünsche dir weiter viel Kraft! Danke für die (er)mutigen(den) Worte, Annett

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  2. Du hast Recht, es ist immer leicht, gegen etwas zu sein (oder für etwas, je nachdem aus welcher Perspektive man schaut) und Dinge zu verurteilen, so lange man nicht selbst darauf angewiesen ist, so lange sie nicht für einen selbst überlebenswichtig sind oder so lange sie nicht unser ganz privates eigenes bequemes Leben betreffen... und da ist die Medizin/die Forschung nur ein Punkt unter vielen. Es gibt viele Bereiche, bei denen mich so kategorische Meinungen ärgern, weil sie eben gerade modern oder gerade gesellschaftlich und politisch als korrekt gelten und vom bequemen Sofa daheim oder aus dem Elfenbeinturm abgegeben werden ohne das man persönlich mit den Themen oder der Problematik zu tun hat.
    Schwarz-weiß Denken funktioniert bei mir nur bei ganz wenigen Themen, ansonsten sehe ich die Welt auch lieber in Zwischentönen.

    Viele medizinische Fortschritte sind großartig und wirkliche Meilensteine. Ich möchte auch nicht in einer Welt leben ohne Antibiotika, Tetanusimpfung und Schmerztabletten. Bei schweren Erkrankungen ist die Schulmedizin ebenso ein Segen, wie die alternative Medizin oder Homöopathie bei leichteren Beschwerden oder auch als Ergänzung zur Schulmedizin. Ich bin beiden Seiten aufgeschlossen gegenüber.

    Schön, das es Dir so gut geht! :-)

    Schöne Grüße!

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  3. Vielleicht wird man achtsamer, wenn man selbst unter einer Krankheit leidet. Mir geht es zumindest so. Ich bin seitdem dankbarer und demütiger. Und wenn die Symptome gerade nicht so zu spüren sind, freue ich mich, weil sie ansonsten immer das Leben verschatten, und sei es nur ein wenig, als leichter Grauschleier.

    Den Text, den Du geschrieben hast, kann ich so unterschreiben. Es ist ein Luxus, so versorgt werden zu können. Ich verzichte auch, wenn ich kann, auf Medizin, weiß aber auch, wann ich sie brauche und ohne sie nicht auskommen kann. Was erwachsenene Leute ihrem eigenen Körper antun, ist ihnen überlassen, aber es ist unverantwortlich, Kindern Hilfe zu verweigern, nur um seiner Ideologie zu folgen.

    Viele liebe Grüße
    und wie immer alles Gute,
    Mond

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  4. Du sprichst mir voll und ganz aus dem Herzen. Voll und ganz! <3
    Liebe Grüße, Smila

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